Das Orchester KlangVerwaltung


wurde 1997 von den beiden Geigern Andreas Reiner und Josef Kröner gegründet. Stand anfangs der ungewöhnliche Name - er soll das im verantwortungsvollen Sinne treuhändische Verwalten von Musik illustrieren - im Vordergrund des Interesses, so wurde schnell klar, daß ein neues Eliteorchester das Podium betreten hatte, dem nicht nur die historische Aufführungspraxis des barocken und frühklassischen Repertoires vertraut ist.

Hochvirtuoses Zusammenspiel, auflergewöhnliche solistische Fähigkeiten, ungemein farbige klangliche Möglichkeiten und ein hochengagierter Habitus haben dem Orchester neben Traumkritiken einen in der professionellen Orchesterwelt ungewöhnlichen Sympathiewert beschert.

Ein fester Stamm von Musikern findet sich projektbezogen zusammen, um neues, aber auch das einstweilen große angestammte Repertoire zu erarbeiten und neu zu beleuchten. Der Arbeitsstil dabei hat eine Art Workshop-Charakter, bei dem Dirigent und Musiker gleichberechtigt in die musikalische Arbeit involviert sind. Dieser Prozess garantiert ein hinreissend lebendiges, homogenes und kompromissloses Musikerlebnis.

Musiker führender europäischer Symphonie- und Opernorchester, aber auch international bekannte Solisten und Kammermusiker: das sind die Mitglieder der KlangVerwaltung. Zum ganz auflergewöhnlichen Klangerlebnis tragen auch Instrumente von Stradivari, Guarneri del Gesu und weiterer berühmter Meister bei.

Die Berliner Philharmonie, das Amsterdamer Concertgebouw, der Wiener Musikverein, Reisen in die USA, nach England, in die Schweiz, nach Italien, Spanien und Österreich, nach Frankreich, Argentinien, Brasilien und China, wiederkehrende Auftritte bei großen Festivals, wie dem Rheingau-Festival, den Europäischen Wochen, in der Frankfurter Alten Oper, im Festspielhaus Baden-Baden, dem Schleswig-Holstein-Festival, dem Menuhin Festival Gstaad und bei den Festspielen Herrenchiemsee, wo das Orchester in Residence ist: das sind ein paar der wichtigen Stationen der KlangVerwaltung.

Im Juli 2016 führte die KlangVerwaltung Beethovens 5. Symphonie unter Kent Nagano vor 17.000 Zuhörern beim Audi-Festival in Ingolstadt auf.

Die Jubiläumssaison 2016/17 führte das Orchester nach China und Korea, sowie nach Canada und die USA mit Auftritten in Toronto, Montreal, Boston, Philadelphia und New Yorks Carnegie Hall.

Enoch zu Guttenberg ist der Chefdirigent des Orchesters KlangVerwaltung. Mit Kent Nagano, Roberto Abbado, Andrew Parrot, Reinhard Goebel, Paul McCreesh, Paul Goodwin, Thomas Zehetmair, Heinrich Schiff, Salvador Mas Conde, Dirk Joeres, aber auch ohne Dirigenten mit ihrem Konzertmeister Andreas Reiner hat das Orchester konzertiert.

Seit der Gründung nimmt die KlangVerwaltung CDs für Farao Classics auf, die von der internationalen Kritik ganz hervorragend aufgenommen wurden. Der Livemitschnitt Beethovens "Missa Solemnis" sorgte für ein ganz besonderes Furore in der internationalen Presse und wurde als eine der besten Aufnahmen aller Zeiten dieses Werks bezeichnet.

Falls Sie diese Vita für Publikationen jeder Art verwenden möchten, beachten Sie bitte den folgenden Hinweis: Änderungen sind nur nach Rücksprache mit der KlangVerwaltung gestattet. (4/2018)

The Orchestra KlangVerwaltung

was founded in 1997 by violinists Andreas Reiner and Josef Kröner. While the public focus was initially aimed at the unusual name - KlangVerwaltung litterally means sound administration - acting as responsible advocates of the great masterpieces and their creators - it quickly became clear that a new elite orchestra had taken the stage - historically informed, from early Baroque to todayës repertoire.

The orchestraës superlative technical and chambermusiclike interaction, extraordinary soloistës abilities, amazingly colourful sound and an their unusually dedicated and lively habitus have earned them brilliant reviews as well as a great degree of sympathy, not common in the professional orchestral world.

For each project, a constant base of musicians comes together in order to revise their meanwhile sizeable repertoire, but also to work on new scores. Their style of rehearsing resembles a workshop, which allows for both the conductor and the musicians to be equally involved in the process of bringing new life to music. This guarantees for an entrancingly vivid, dense, uncompromising, and yet, due to the ensemblesë quality, a homogeneous musical experience.

The members of the KlangVerwaltung are comprised from leading orchestras, but as well internationally renowned soloists and chamber musicians. The most exceptional sound experience is supported by great instruments by Stradivari, Guarneri, Amati and other famous masters.

Apart from the regular concert schedule they have played at significant venues such as the Berlin and Munich Philharmonic Hall, the Golden Hall of the Vienna Musikverein, the Amsterdam Concertgebouw, the Vatican, the Alte Oper in Frankfurt, the Festspielhaus Baden-Baden, at the Rheingau Festival, the Beethoven-Fest Bonn, the European Weeks and at the Festival on Herrenchiemsee, where the KlangVerwaltung is orchestra in residence every summer. They have toured England, France, Italy, Spain, Austria, Switzerland, the US, Southamerica and China.
In July 2016 the orchestra performed Beethoven‘s 5. symphony with Kent Nagano before an audience of 17.000 at the Audi-Festival in Ingolstadt.

The anniversary season 2016/17 brought the orchestra to China, Korea, Canada and the US with concerts in Toronto, Montreal, Boston, Philadelphia and New York‘s Carnegie Hall.

Enoch zu Guttenberg is the principal conductor of Orchestra KlangVerwaltung. With Kent Nagano, Roberto Abbado, Heinrich Schiff, Reinhard Goebel, Andrew Parrot, Paul McCreesh, Paul Goodwin, Thomas Zehetmair, Salvador Mas Conde, Dirk Joeres and without conductor with their leader Andreas Reiner they appeared on stage.

KlangVerwaltung is recording CDs exclusively for FARAO classics, which have been highly praised by international reviews. Brucknersë 4th Symphony (live from the golden hall of Viennaës Musikverein) received the most significant German music award, the ECHO Klassik. The release of Beethovenës Missa Solemnis (live from Munich) is hailed as "a milestone in the younger history of this workës reception" and one of the "five best renditions of all times".

If you intend to use this bio for publication of any kind, please note: Alterations are subject to permission from KlangVerwaltung. (6/2017)

PRESSE

Matthäuspassion 3/2013, Berlin

http://www.tagesspiegel.de/kultur/volkes-stimmen/8003102.html

Verdi Requiem Rheingaufestival 2012

Anfangs kaum mehr als ein Hauch

Verdi-Requiem beschließt das 25. Rheingau Musik Festival

Unter den künstlerischen "Wegbegleitern", die Intendant Michael Herrmann zum Jubiläum eingeladen hat, dürfte Enoch zu Guttenberg der treueste sein. Zusammen mit seiner Chorgemeinschaft Neubeuern, seinem Orchester der Klangverwaltung München und einem vokalen Solistenquartett gestaltete er im ausverkauften Kloster Eberbach das Abschlusskonzert des 25. Rheingau Musik Festivals.

Dass dem Dirigenten Guttenberg, dessen hochemotionaler, aber dennoch wohlreflektierter und klanglich kalkulierter Zugang zur Musik wohlbekannt ist, ein Werk wie Giuseppe Verdis Messa da Requiem entgegenkommt, verwundert kaum, selbst wenn die Affinität eher musikalisch als religiös begründet sein sollte. Tatsächlich liegt ein Quantum "Wahrheit" in Verdis Musik, für die ein Künstler wie Guttenberg zweifellos Antennen besitzt. Wenngleich ihm im Hinblick auf Interpretation zuweilen Manierismus vorgeworfen wird, stehen seine nur vordergründig bertrieben anmutenden Akzentuierungen und Kontrastbildungen stets im Dienst der Ausdruckssteigerung.

Bei seiner Deutung des Verdi-Requiems war dies jetzt aber nur zu Beginn deutlich zu spüren, als er das Orchester fast tonlos beginnen und den Chor das allererste Wort ("Requiem") mehr flüstern als singen ließ, um die folgende melodische Phrase "Requiem aeternam" in einem fast unwirklich gleißenden Schönklang strahlender Harmonie ausschwingen zu lassen. Im Ganzen aber war es eine keineswegs die Extreme suchende Deutung, sondern ein stimmig gleichmäßiger Fluss von abgestimmten Klangereignissen, bei dem die bekannten Effekte des Dies irae und des Sanctus nicht ausgespart wurden. Abermals erwies sich die Chorgemeinschaft Neubeuern als zuverlässig, intensiv und aufmerksame Vokalmacht von zuweilen packender Wirkung.

Aber auch das Orchester der Klangverwaltung München erwies sich diesmal als souverän, ausdrucksstark und ausgewogen musizierendes Kollektiv. Hinsichtlich des Solistenquartetts harmonierten die nicht allzu große, nicht immer ausgewogen timbrierte Stimme des koreanischen Tenors Yosep Kang und jene des profunden bulgarischen Bass Anton Keremidtchiev erstaunlich gut miteinander, die der Sopranistin Susanne Bernhard und der Mezzosopranistin Claudia Mahnke hingegen überhaupt nicht. Mahnke, seit der Spielzeit 2006/07 Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, bringt ein so markantes wie charakteristisches Timbre ins Spiel, das sich im Duett mit der Kollegin schlecht mischte. Susanne Bernhard hingegen wäre passagenweise mehr Sinn für fein abgestufte Lautstärkegrade zu wünschen. Im Ganzen aber war es ein beeindruckend intensiver Festivalabschluss mit dem äußerst engagierten Künstler Enoch zu Guttenberg.

HARALD BUDWEG
FAZ, 5.9.2012



				

Höllenlärm in Klostermauern

Festspiele – Dem Rheingau-Musikfestival gelingt ein starkes Finale

Enoch zu Guttenberg, der erfahrene Dirigent und häufige Gast beim Rheingau-Musikfestival, macht auch im Requiem keinen Hehl aus dem Opernkomponisten Verdi: Ihm gelang – nicht nur wegen der bombastischen Wirkung in der Überakustik des Kirchenraums – eine Wiedergabe voller Saft und Kraft. Atmosphärische Momente waren, ohne das Pathos allzu sehr triefen zu lassen, sicher aufgespürt. Außerordentlich sorgfältig beachtet Enoch zu Guttenberg in Verdis Requiem die weit gespannte Dynamik, arbeitet ihre Kontraste scharf heraus und beschleunigt oder verzögert die Tempi. Die über achtzig Choristen der Chorgemeinschaft Neubeuern, 1967 von Guttenberg gegründet, folgen ihm hellwach und engagiert. Bewundernswert sind die rhythmische Präzision, die locker-federnde Fugen-Akrobatik („Sanctus“), die ungemein fesselnde artikulatorische Präsenz und die dynamische Bandbreite vom flüsternden Beginn bis zu donnernden Fortissimo-Effekten.
Das Orchester der Klangverwaltung, ein projektbezogenes Elite-Ensemble, stand dem Chor in der Exaktheit des Musizierens und in der klanglichen Strahlkraft nicht nach. Fulminant gerieten die großen Steigerungen und die geradezu die Ohren sprengenden Entladungen: Mehrmals bricht das g-Moll-Agitato des „Dies Irae“ mit seinen knallharten Trommelschlägen wie ein Sturmwind herein. Enoch zu Guttenberg schleudert in dieser apokalyptischen Schreckensvision seine dirigentischen Salven in den Chor und ins Orchester, als wolle er mit Verdis Höllenlärm die Mauern der Kloster-Basilika zu Fall bringen.
Brillant auch die Gestaltung von spannungsvollen Übergängen: Ergreifend gelingt Susanne Bernhard mit höhenleichtem, leuchtendem Sopran und Claudia Mahnke mit dramatisch konturiertem, fülligen Mezzo der Anschluss vom strahlenden Chorglanz des „Hosanna in excelsis“ zum schlichten Solo der beiden Frauenstimmen im „Agnus Dei“. Der Tenor Yosep Kang setzt vornehmlich sein weiches, helles Timbre ein und lässt eine auftrumpfende, heldische Tonfärbung, die Verdi auch gemeint hat, kaum zu. Ebenfalls verhalten, doch stets nuanciert liefert Anton Keremidtchiev das Bass-Fundament in diesem exzellenten Solistenquartett.
Lang anhaltender Beifall nach einer fesselnden Aufführung, die von Vitalität, Perfektion und geballter Expressivität bestimmt war.

Echo Online, 3.9.2012

Klänge aus dem Totenreich

Mit Verdis „Requiem“ schloss die Jubiläumssaison des Rheingau-Musik-Festivals

In Kloster Eberbach leitete Enoch zu Guttenberg eine tief emotionale Aufführung.

Von einem "musikalischen Paradiesgarten" hatte der Dirigent Enoch zu Guttenberg, Freund von Intendant Michael Herrmann und langjähriger Festivalbegleiter, bei seiner Festrede zum Auftakt der Jubiläumssaison im Rheingau gesprochen. Zum Abschluss dieses 25. Rheingau-Musik-Festivals am Samstag, das einmal mehr diese liebliche Region auch musikalisch zum Blühen brachte, stand zu Guttenberg nun selbst am Dirigentenpult in Kloster Eberbach, um mit seiner sehr persönlichen musikalischen Sicht auf Verdis "Requiem" dem Festival nicht nur einen würdevollen, sondern auch tief emotionalen Ausklang zu verschaffen.

Schon der absteigende A-Moll-Akkord zu Beginn des "Requiems" wirkte wie ein Klanghauch aus einer fernen Toten-, ja Paradieswelt. Zu Guttenberg ist bekannt dafür, dass er in seinen Interpretationen nichts dem Zufall überlässt, jedes noch so kleinste Detail seiner Deutung unterwirft. Das mag man in manchen Fällen als zu manieriert empfinden.

Werk der Extreme

Aber: Verdis "Requiem" ist ein Werk der Extreme, und zu Guttenberg lotete diese Extreme mit größter Intensität aus. Wenn Verdi ein "tutta forza" (mit aller Kraft) fordert, dann setzt zu Guttenberg dies auch um, lässt die überwältigende Klangmacht eines "Dies irae" spüren, macht diese Ausdrucksmischung aus Angst, Verzweiflung, Trauer, Wut und Hoffnung, dieses Flehen nach Erlösung von den irdischen Leiden, fast physisch erfahrbar. Die Chorgemeinschaft Neubeuern war ihm dabei ein vorzüglicher Partner.

Sie verblüffte mit einer enormen dynamischen Bandbreite, fulminant setzte sie die Crescendo-Walzen im "Cuncta stricte discussurus" um, virtuos die "Sanctus"-Doppelfuge und behauptete sich selbst im stärksten Klanggetümmel noch gegen das wunderbar flexibel aufspielende "Orchester der Klangverwaltung".

Bei den Solisten trugen vor allem die Frauenstimmen zur Expressivität der Aufführung bei: die Mezzosopranistin Claudia Mahnke von der Frankfurter Oper und die Sopranistin Susanne Bernhard, die mit dem "Recordare" ein vokales Glanzlicht im Duett setzten. Der Tenor Yosep Kang präsentierte sich mit schneidiger Höhe, der Bassist Anton Keremidtchiev wirkte trotz attraktiven Timbres dagegen etwas blass. Am Ende brach nach kurzer Stille großer Jubel aus, und das Publikum feierte dieses bewegende Festival-Finale mit Ovationen.

Frankfurter Neue Presse, 3.9.2012

Beifall für Verdis „Requiem“ beim

Rheingau-Musik-Fest

Mit großem Beifall für Verdis „Messa da Requiem“ ist die 25. Konzertsaison des Rheingau-Musik-Festivals am Samstagabend zu Ende gegangen.

Der Dirigent Enoch zu Guttenberg, ein langjähriger Wegbegleiter des Festivals, leitete das Konzert in der ausverkauften Basilika des Kloster Eberbach. Im Jubiläumsjahr lockte das Musikfest 112 000 Besucher an. Mit 154 Konzerten und Veranstaltungen war es besonders groß angelegt. Die Auslastung lag bei 92 Prozent, wie Intendant Michael Herrmann sagte. Mittlerweile ist das Musikfest in Schlössern, Kirchen und Weingütern des Rheingaus zu einem der größten Festivals in Europa herangewachsen.

Bei Verdis effektvoller Totenmesse zum Abschluss stellte sich die Spannung erst allmählich ein, obwohl Guttenberg Höchstleistungen von der Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Orchester der KlangVerwaltung verlangte.

FOCUS-Online, 2.9.2012

Von Axel Zibulski

„Messa da Requiem“

Die Turbulenzen im Abschlusskonzert am Folgeabend waren rein musikalische: Enoch zu Guttenberg leitete in der Basilika die Aufführung von Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“. Dramatisch überschärfte, hoch passionierte Augenblicke - sie sind ein musikalisches Erkennungszeichen Guttenbergs. Das passt, wenn der Dirigent die von ihm gegründete Chorgemeinschaft Neubeuern leitet, in manchen Werken besser, in anderen schlechter.

Zu Verdis Totenmesse passte Guttenbergs Vorliebe fürs Ausdrucksvoll-Drastische gut. Er gehört zu jenen langjährigen „Wegbegleitern“, denen das Rheingau Musik Festival in der Jubiläums-Saison eine eigene Programmlinie gewidmet hat. Opernnahe Effekte liegen, wenn Verdis 1874 in Mailand uraufgeführtes „Requiem“ erklingt, auch im sakralen Raum nicht fern, und Guttenberg schärfte sie noch. Die Anfangsworte waren vom Chor nur geflüstert, der wuchtige Beginn des „Dies irae“ klang nicht bloß dunkel-martialisch, sondern dank des hoch präzisen Chors tief einschneidend.

Seit 1967 arbeitet Guttenberg mit seinem Chor aus dem oberbayerischen Neubeuern zusammen, 30 Jahre später kam das „Orchester der KlangVerwaltung“ (München) dazu. In Eberbach war eindrucksvoll zu erleben, wie homogen und aufmerksam die beiden Ensembles Guttenbergs elementargewaltige Klangvorstellungen umsetzen. Aus dem Solistenquartett bot Anton Keremidtchiev mit seinem hoch sonoren Bass einen verinnerlichten Kontrapunkt. Sopranistin Susanne Bernhard wich im abschließenden „Libera me“ der nötigen Pianissimo-Intensität weitgehend aus. Stabil sang Claudia Mahnke ihren Mezzosopran-Part; der koreanische Tenor Yosep Kang gestaltete sein arioses „Ingemisco“ in der Höhe markant, im Timbre unstet.

Wiesbadener Kurier, 3.9.2012

Herrenchiemsee-Festspiele 2012


Herrenchiemsee, die Zauberwelt etwas anderer Festspiele

27. August 2012 von

Bertrand Saint-Etienne

Évasion, La Scène

24.7.2012 Sergei Prokofjew (1891-1953): Ouvertüre über hebräische Themen (Orchesterfassung, op. 34b); Dmitri Schostakowitsch (1906-1975): Cellokonzert Nr. 1 op. 107; Peter I. Tschaikowsky (1840-1893): Symphonie Nr. 5 op. 64. Christian Poltéra, Violoncello; Orchester der KlangVerwaltung; Leitung: Heinrich Schiff.

25.7.2012. Ludwig van Beethoven (1770-1827): Klavierkonzert Nr. 4 op. 58; Egmont (Schauspielmusik zu einem Trauerspiel von Johann Wolfgang Goethe, op. 84). Olli Mustonen, Klavier; Yeree Suh, Sopran; Münchener Kammerorchester; Leitung: Alexander Liebreich

Man weiß nicht mehr, wo man eigentlich ist: Versailles ist zweifelsohne gegenwärtig, Versailles mit seiner unerbittlichen Symmetrie. Die erhabene Fassade, die unwirklichen Gärten, der Spiegelsaal. Es fehlt nichts. Man wundert sich ein bisschen über die Berge und den See. Auch das Publikum in seinen traditionellen Gewändern überrascht. Aber wenn dann die Alphörner ihren tiefen, widerhallenden Ruf anstimmen, dann kneift man sich. Willkommen in einem Traum – dem Traum von König Ludwig II., der mitten im Chiemsee einen getreuen Nachbau des berühmten französischen Schlosses errichten ließ. Und so war die Entscheidung, in dieser prunkvollen Residenz ein Musikfestival zu veranstalten, auch sicherlich eine Hommage an diesen großen Kunstmezän (siehe Interview mit Enoch zu Guttenberg).

Schon bei der ersten Begegnung können wir uns von der vortrefflichen Qualität der Ausführenden überzeugen. Die KlangVerwaltung interpretiert unter der Leitung von Heinrich Schiff ein bemerkenswertes russisches Programm. Dieses normalerweise von Enoch zu Guttenberg dirigierte Ensemble ist Stammgast im Schloss und spielt mit der beeindruckend klaren Akustik im Spiegelsaal, welche die Größe der Werke noch besser zur Geltung bringt. Die Ouvertüre über hebräische Themen von Prokofjew erweist sich als guter Einstieg. Schon gleich zu Beginn werden die individuellen Qualitäten erkennbar, die wir später in der Tschaikowsky-Symphonie wiederfinden werden: die Geschmeidigkeit der Streicher, vor allem im Pizzicato, und die große Tragfähigkeit der Holzbläser.

Beim Cellokonzert Nr. 1 von Schostakowitsch beeindruckt insbesondere die bewundernswerte Leistung des Solisten, des jungen Christian Poltéra, der sowohl eine ästhetische als auch eine physische Meisterleistung vollbringt und den äußerst anspruchsvollen Notentext souverän beherrscht. Von der vollen Attacke des ersten Satzes, Allegretto, bis zu den letzten Akkorden des Finales, Allegro con moto, gibt es für den Solisten kaum eine Verschnaufpause. Der zweite Satz, Moderato, Gipfel der russisch elegischen Lyrik, besticht insbesondere durch seine Bitternis, die Poltéra langsam in einer langen Steigerung modelliert.

Der Höhepunkt des Abends war dem zweiten Teil des Konzerts vorbehalten: eine Symphonie Nr.5 von Tschaikowsky wie man sie selten zu hören bekommt. Ein erster Satz mit stechenden Akzenten von den ersten Takten an, der sich unter der magnetischen Leitung von Heinrich Schiff schrittweise zu lyrischen Gipfeln hochschwingt. Die KlangVerwaltung wiederholt diese so überzeugende Steigerung im Andante cantabile, getragen von ihren Geigen und der phantastischen Akustik, bis hin zu einem überraschenden Ende von unerwarteter Heftigkeit. Nach der berühmten, mit viel Charme aufgeführten Valse des dritten Satzes, schafft Heinrich Schiff ein unvergessliches Finale, Andante maestoso und Allegro vivace, von unerhörter Brillanz und Präzision. Hier offenbaren sich energische Blechbläser, während der Maestro ein unglaublich erregtes Tempo aufrechterhält, das uns atemlos zurücklässt am Ende einer wilden Coda, die jedoch von ihrer Richtigkeit nichts einbüßt.

Das zweite hier zu besprechende Konzert versetzt uns in die Welt Beethovens. Zunächst steht das Klavierkonzert Nr. 4 auf dem Programm, mühelos interpretiert vom Münchener Kammerorchester und dem norwegischen Pianisten Olli Mustonen unter der Leitung von Alexander Liebreich. Trotz einer gewissen Manieriertheit und gelegentlich überflüssigen Effekten gelingt es dem Solisten, den Kern dieses dichten Werkes herauszuarbeiten. Er wird dabei unterstützt von einem absolut sicheren Orchester, das die Themen jedes Mal exzellent wieder aufgreift.

Die weiteren Werke des Abends stehen ganz unter dem Motto der diesjährigen Ausgabe der Festspiele: „Die Musik der Worte“. Egmont wurde von Beethoven als Schauspielmusik zu Goethes gleichnamigem Trauerspiel komponiert, das den Widerstand der Flamen gegen die spanische Krone im 16. Jhd. beschreibt. Es fällt schwer, keine Parallelen zu ziehen zu der französischen Besatzung Österreichs zum Zeitpunkt der Komposition (1809) und der großen Enttäuschung Beethovens gegenüber Napoleon. Die Ouvertüre versetzt uns unverzüglich in die heroische und zerrissene Welt einer Liebesgeschichte mit historischem Hintergrund. Das Münchener Kammerorchester ist von den ersten Takten an auf der Höhe des Geschehens. Einige hervorragende Flötisten und Klarinettisten sind zu hören, vor allem aber besticht die uneingeschränkte Meisterschaft der Streicher, die eine seltene Einheit erreichen. Es folgen vier Zwischenakte für Orchester sowie zwei Lieder Clärchens, der Geliebten Egmonts, dargeboten  von der Sopranistin Yeree Suh, die sich in ihrer Rolle mehr als achtbar schlägt. Insbesondere genießt der Zuhörer die Arie  „Die Trommel gerühret“, deren tragisch-komischen Charakter sie klar zum Ausdruck bringt. Ein Sprecher begleitet die musikalischen Passagen mit Auszügen aus Goethes Text. Diese äußerst gelungene Zusammenstellung wäre es wert, auch in Frankreich in angepasster Form öfter aufgeführt zu werden. Clärchens Tod, erschütternd durch das wunderbare Pianissimo, leitet über in die Siegessymphonie, die zum Abschluss des Werks den Blechbläsern die Möglichkeit gibt, sich auszuzeichnen. Bedarf es der Erwähnung? Diesem Werk voller beethoven’schem Schwung und Ungestüm, entfesselt aufgeführt unter den Lüstern des Spiegelsaals, fehlt es nicht an Größe.

ResMusica.com
27. August 2012

Polityka   22. Juli 2012

Dorota Szwarcman

Zehetmair im Schloss

Ich dachte mir, ich werde über das Objekt schreiben, das ich heute besichtigte. Doch das Musikereignis war so bedeutsam, dass man ihm die größte Aufmerksamkeit schenken sollte. Thomas Zehetmair war in einer Doppelrolle zu sehen: als Solo-Geiger und als Dirigent; ich wusste gar nicht, dass er sich auch mit dem Dirigieren beschäftigt, zumal er als Instrumentalist in seinem Element ist und eigentlich keiner zusätzlichen Beschäftigung bedarf. Es zeigt sich aber, dass er sich auch auf diesem Terrain äußerst wohl fühlt.

Enoch zu Guttenberg, der Festivaldirektor, überließ  ihm heute sein Orchester der KlangVerwaltung,  das aus Musikern u.a. der Berliner Philharmoniker, Stuttgarter oder Kölner Opern besteht. Ich hätte nie gedacht, dass Thomas Zehetmair dieses Orchester (und das Publikum) so sehr mitreißen würde. Im ersten Teil spielte er das Violinkonzert in d-Moll von Robert Schumann, ein schwieriges Stück, das für Schumanns eher untypisch ist. Und auch wenn ich dieses Stück nach wie vor nicht gänzlich verstehe, so hat mich der Solist doch sehr dafür eingenommen. Thomas Zehetmair spielte so fantastisch, dass die Musiker ihm spontan Beifall spendeten anstatt sich zu erheben, als er beim Applaus wie üblich das Orchester aufstehen lassen wollte. Auf dem Programm des zweiten Teils standen von Richard Wagner „Eine Faust-Ouvertüre“ – ein Stück aus den Zeiten der Oper „Rienzi“, in dem die Anzeichen späterer Stilistik hervorragend zum Vorschein kommen – und die Sinfonie Nr.1 in c-Moll von Johannes Brahms, die ich mit so starkem Feuereifer gespielt schon lange nicht mehr gehört habe. Thomas Zehetmair ist keineswegs ein Kapellmeistertyp, er ist ein richtiger Visionär und darauf beruht das Geheimnis seines Erfolgs.

Elias München, 1. März 2011


Passionsglut

SZ vom 03.03.2011

München - Als romantischen Klassizisten mit 'Mozart'-Genie hat man Mendelssohn bezeichnet und als historistischen Epigonen mit Bach- und Händel-Faible. Tatsächlich sind seine beiden Oratorien 'Paulus' und 'Elias' zur selben Zeit entstanden, wie er in Leipzig seine 'Historischen Konzerte' aufgeführt hat. Auch Enoch zu Guttenberg setzte in seinem 'Elias' in der Philharmonie auf die passionserfahrene Glut der Neubeuerner Chöre und die archaische Dramatik eines biblischen Plots. Aber die romantische Seite Mendelssohns erlaubte ihm vieles. So waren dem bekenntnismusikalischen Überzeugungstäter kaum Grenzen gesetzt, weder im Agitato der Chorgestaltung (Höhepunkte: 'Baal erhöre uns' oder 'Der Herr ging vorüber') noch in den ehernen Ekstasen der 'Herrn'-Anrufungen oder in inniger Arien-Inbrunst (überwältigend: Mezzosopranistin Ann Hallenberg; leuchtend: der Sopran von Susanne Bernhard). Sogar nazarenisch getönten Episoden wie dem Quartett 'Wohl an, alle die ihr durstig seid' verschaffte Guttenberg Glaubwürdigkeit. Es war ein schwerer Tag für ihn, und vielleicht wackelten deshalb im ersten Teil Chor- und Bläsereinsätze. Aber der zweite Teil überzeugte nicht nur das Volk Israels, sondern auch den (mäßig gefüllten) Saal. Die Männer (Bassbariton Hanno Müller-Brachmann und Tenor Werner Güra) kultivierten ihre Höhen, die Sängerknaben (Augsburger Domsingknabe Daniele Joas und Tölzer Knabenchor) strahlten glockenhell, und die 'Klangverwaltung' glänzte mit ihrer Bläserriege. Ostentativer Beifall: fast, so schien es, noch mehr für den fränkischen Freiherrn als für die Musik.

Klaus P. Richter

Schon immer ohne Fußnoten
Robert Braunmüller (AZ vom 3.3.2011)

Was auch immer Karl-Theodors Vater am Abend des Rücktritts fühlte: Er wollte es nicht zeigen. Enoch zu Guttenberg kam unauffällig hinter den Sängern aufs Podium. Als sich der Begrüßungsbeifall demonstrativ verstärkte, hob er rasch die Arme zum ersten Einsatz und animierte das Orchester und den Bariton Hanno Müller-Brachmann im einleitenden Rezitativ zu einer schlanken Feierlichkeit, die auch den Rest einer exzellenten Aufführung prägte.
Weil es so schön passt, können wir uns den Kalauer nicht verkneifen, dass Guttenberg wie immer ohne Fußnoten dirigiert hat. Bei Bachs Passionen führt dies zu einer Überzeichnung im Interesse der Botschaft. Nach einem im Herbst mit der Brechstange dirigierten Beethoven-Konzert überraschte das leidenschaftliche Maß beim „Elias”. Guttenberg sorgte für eine innere Glut, ohne sich in Theatralik zu verzehren. Das historisierende Blech der Klangverwaltung pfefferte rauschend die Süße der Musik, die kleine Besetzung kam Arien wie „Sei stille dem Herrn” entgegen.
Die Chorgemeinschaft Neubeuern fügte sich homogen in das schlanke Konzept, dem nur das romantisierend-pathetisch abgebremste Tempo am Schluss der großen Chöre widersprach. Aus den guten Solisten (Ann Hallenberg, Susanne Bernhard, dem Augsburger Domsingknaben Daniele Joas und drei Tölzer Knaben) sei der in München unterschätzte Münchner Werner Güra herausgehoben.
Am Ende gab es rasch stehenden Beifall. Er war dem Tag geschuldet, aber künstlerisch wohlverdient. Fragen nach seinem Sohn beantwortete Guttenberg ohnehin immer etwas genervt, weil er als Musiker geschätzt werden will und nicht als Vater.

Beethoven Missa Solemnis
CD auf Farao classics

Deutsche Welle: KV in China


Herrenchiemsee-Festspiele 2010



Frankfurter Allgemeine Zeitung


Frankfurter Rundschau



Matthäuspassion München, 2. April 2010

Maximale Dramatik


Natürlich ist Bachs Matthäuspassion ein majestätisches Werk. Vor Ehrfurcht erstarren aber muss man deshalb keineswegs. Und genau diese Courage macht die Matthäuspassion mit der Chorgemeinschaft Neubeuern, dem Tölzer Knabenchor und dem Orchester der Klangverwaltung München unter der Leitung von Enoch zu Guttenberg in der Philharmonie zu etwas Besonderem: Fraglos achtet Guttenberg die Erhabenheit dieser Musik. Nur, er tut viel mehr als das. Denn die Matthäuspassion ist nicht nur ein musikalisches Denkmal, sie erzählt vor allem auch eine ganz furchtbare, schauerliche Geschichte: von Christi Tod, von Verrat, von Angst vor dem Sterben, von Qual und Trauer, von Gottvertrauen und Vergebung. Das ist pure Emotion: Kaum jemals hört man den Choral "O Haupt voll Blut und Wunden" so harsch und abgerissen. Jede Silbe versieht Guttenberg mit einem Akzent, lässt sie förmlich durch den Saal peitschen. Aber warum auch nicht! Folter erregt ja nicht nur stilles Mitleid. Sie ist etwas Grausiges, unmenschlich Brutales.

Sicher gibt es in dieser Interpretation eine ganze Menge ungewöhnlicher Ansätze zu entdecken: teils ungemein rasante Tempi, Chöre, bei welchen vor lauter dynamischer Effekte von den musikalischen Linien nicht viel übrig bleibt. Doch das ist nicht entscheidend. Guttenberg setzt nun einmal auf maximale Dramaturgie: Chor und Orchester musizieren großartig bewegt, bleiben aber stets hautnah am Text. Sie erzählen. Und das ist so beeindruckend, anrührend, spannend - und schließt nicht nur in den Chorsätzen, sondern ebenso in den Solopartien auch ganz zauberhaft verharrende, lyrische Momente mit ein: etwa das Sopran-Alt-Duett mit Chor "So ist mein Jesus nun gefangen". Doch wie gut das Ensemble insgesamt auch ist, es kommt nicht von ungefähr, dass Guttenberg am Ende als Erstes zu Tenor Werner Güra stürmt und ihm für seinen bewegenden Evangelistenpart um den Hals fällt.

ANDREAS PERNPEINTNER

Suddeutsche Zeitung, 6.4.2010

http://www.sueddeutsche.de/n5N381/3296685/Maximale-Dramatik.html

AZ München, 6.4.2010

FAZ, 23. März 2010

Alte Oper Frankfurt

Ungeschminkte Macht der Zeugenstimmen

VON HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Für Judenfeinde bin ich wie ein Jude": Diesen Kernsatz aus Jewgenij Jewtuschenkos Gedicht "Babij Jar" machte sich Dmitrij Schostakowitsch zueigen. Die moralische Maxime verbindet den offiziellen Antifaschismus mit der Abscheu vor einer gerade auch in der Sowjetunion verbreiteten Haltung. Unmittelbare Lebensgefahr ergab sich 1962 daraus zwar nicht mehr, aber die kritischsten Inhalte der in Schostakowitschs 13. Symphonie integrierten Gedichte Jewtuschenkos mussten entschärft werden.

Aus der Mahnung gegen Judenfeindschaft wurde das Lob des rechtschaffenen russischen Patriotismus. In der Schlucht von Babij Jar bei Kiew brachten eine Handvoll SS-Soldaten im September 1941 binnen zweier Tage mehr als 34000 Juden um. An dieses Datum sollte in der Sowjetunion nicht erinnert werden. Das Poem, das der "Babij Jar"-Symphonie ihren Namen gab, ist Grundlage des ersten Satzes der Sinfonie. Vier weitere Tableaus folgen thematisch verwandten Texten.

Bei Schostakowitsch scheinen nicht Kampf und Aktionismus zur Katharsis zu führen - die unendlichen Schlachtenbeschreibungen und Demonstrationen von militanten Klanggewalten kreisen in sich selbst, imaginieren Terror und Grauen. Entspannung geschieht gleichsam unverhofft. Wenn nach hochpathetischen oder lähmenden Visionen zum Finale die beinahe heiter-bukolischen Sexten der Flöten beginnen, fühlt sich der Hörer geradezu physisch befreit von den vorausgegangenen Alpträumen.

Mit den Kategorien des Wunders und der Gnade ist der theologisch-humanistische Ansatz des von Enoch zu Guttenberg programmierten Pro-Arte-Konzertes in der Alten Oper Frankfurt markiert. In einer Anrede an das Publikum vor dem Konzert stellte er den Zusammenhang zwischen der "Babij Jar"-Symphonie und der zuvor gespielten "Kreuzstab"-Kantate von J.S. Bach her, indem er auf das Beispiel eines nach Dachau deportierten Freundes der Familie verwies, dem im Konzentrationslager das Memorieren im Gedächtnis aufbewahrter Bachkantaten zum Halt wurde.
Der Bach/Schostakowitsch-Abend in der Alten Oper gehörte zu den ungewöhnlichsten Musikereignissen der letzten Zeit. Die nur durch von Guttenbergs Lesung von Celans Übersetzung des Gedichtes "Babij Jar" getrennte Werkkombination erinnerte in ihrer Radikalität an Michael Gielens in Beethovens 9. Symphonie montierten Schönbergschen
"Überlebenden von Warschau". Die Bachkantate wirkte auf andere als nur historisierend korrekte Weise authentisch anrührend.


Guttenbergs dirigentischer Akzent lag auf der expressiven Präsenz der sprachähnlichen Kleinmotivik, gab aber auch der Befreiungsdynamik des musikalischen Verlaufs Raum. Dem Leid wie Tröstung vermittelnden Ariengesang gab der intonations- und koloraturensichere Klaus Mertens (Bass) Profil. Für Schostakowitsch war dann die Männerriege der exzellenten Chorgemeinschaft Neubeuern allein zuständig, und sie agierte (auf Deutsch singend) urig-klanggewaltig wie ein erzrussischer Männerchor. Der Solobassist war York Felix Speer, eingesetzt als eher hell timbrierter und nuancierender Vortragsk¸nstler, der nicht mit riesig nachtschwarzem Fundus zu Traditionspathos nach russischer Art ausgesetzt war. Dafür waren einige Defizite an Durchschlagswucht bei Tuttiabschnitten zu verschmerzen.

Die Extreme in Schostakowitschs Orchestersprache kamen mit dem hervorragend disponierten, immens dimensionierten Orchester der KlangVerwaltung minuziös zur Geltung. Enoch zu Guttenberg brauchte nichts mit Nachdruck auszuinszenieren, um die ungeschminkte Wahrheit dieser großen mitmenschlichen Musik ans Tageslicht zu bringen. Eigenartig: Instrumentalfarben wie Vibraphon oder Celesta deuten eigentlich auf klangfarbliches Raffinement. In dieser Symphonie muten sie wie Zeugenstimmen an.

Frankfurter Rundschau

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2366723_Alte-Oper-Frankfurt-Ungeschminkte-Macht-der-Zeugenstimmen.html

AZ München, 22. März 2010

Munich´s Best
Munich KlangVerwaltung Orchestra, Derby Assembly Rooms

The Munich KlangVerwaltung is not so much an orchestra, more of an extended chamber ensemble. With its regular conductor indisposed, Andreas Reiner directed from the leader's chair. A very few brief moments of imprecision apart, these were performances that any conventionally conducted orchestra would have been proud of.

With the strings' minimal vibrato creating a luminous clarity, Wagner's Siegfried Idyll was given an affectionate performance, finding a delightful drowsy quality in the ending.

Julian Bliss, playing a basset clarinet, joined the orchestra for the Mozart concerto. At 18, he continues to astonish with the maturity of both his technique and interpretation. Adding some discreet ornamentation, he brought out an air of impish playfulness in the first and last movements. There was sensitive dynamic shading from the orchestra, with a magical hush over the last statement of theme in the second movement.

But it was Schubert's Symphony No 9 that was the real revelation. At a brisk but convincing speed, the orchestra made light work of the tricky tempo relationships within the first movement. The cut-off climax in the second movement was heart-stopping, while the scherzo and finale were full of driving (but not hard-driven) energy.

Altogether, a thrilling performance.

Mike Wheeler

Evening Telegraph, Derby

Munich Klangverwaltung Orchestra at Birmingham Symphony Hall
Nov 18 2008 By Norman Stinchcombe

I approached this concert with caution. The best my German dictionary could offer for the compound word “Klangverwaltung” was the forbiddingly Teutonic “sound administrators” which didn’t hold out the promise of much enjoyment.
But what’s in a name? After a gloriously vital, unbuttoned, rawly energetic performance of Beethoven’s Eroica symphony, which crowned the concert, my initial reserve was swept aside.

The members are drawn from the major German symphony and opera orchestras – in essence a festival orchestra. Performing in one seems to liberate players, eliminating the glazed looks and stoic dourness many often show when doing the day job. Everyone was actively engaged with their colleagues as intensely as when playing chamber music.

The timpanist Babette Haag was typical, never resting, always animated. When not playing she swayed to the music, smiled at Beethoven’s musical jokes and nodded appreciatively at a soloist’s contribution. Her own, using hard-headed sticks, was impressive. Such enthusiasm is infectious: no wonder she got the loudest ovation I’ve heard for an orchestral timpanist.

The orchestra’s regular conductor Enoch zu Guttenberg was absent following a riding accident and was replaced by Heinrich Schiff. The late change may account for the start of Wagner’sSiegfried Idyll which instead of being hushed and mysterious was merely quiet and diffident.

Once into the passionate love music, however, inhibitions vanished, and this blossomed into a warmly affectionate performance. That was also true of Richard Strauss’s elegiac Four Last Songs [with soprano soloist Solveig Kringelborn. Tentative at first, she relaxed and let her voice soar for a radiant Beim Schlafengehen, joined by Andreas Reiner’s solo violin, then refining it to a whisper, with chirruping flutes, for the touching farewell of Im Abendrot.

Birmingham Post

KlangVerwaltung in London
by Bob Briggs, 21.11.2008


With the indisposition of the orchestra’s conductor, Enoch von Guttenberg, we were robbed of Wagner’s Siegfried Idyll, but Heinrich Schiff directed a brisk Coriolan Overture which, if not as dramatic as one would have wanted, got things off to a good start. John Lill was a restrained soloist in Mozart’s D minor Concerto, one of the only two he composed in minor keys, and one of his darkest works. The orchestra supplied the drama and Lill was poised and elegant, sitting at the keyboard with minimal movement, no histrionics from this man, which made his musical outbursts all the more exciting and spectacular. The slow movement had us gasping at the delicacy of his invention, simplicity itself and not a nuance missed in this oasis of calm between two, overtly operatic, pieces. Lill imbued his playing with a sunlight missing from the rest of the work and this made the seeming desperation of the finale all the more intense. We know Lill to be a fine Beethovenian and his understanding of that later master’s works helped him to imbue this work, the only Mozart Concerto Beethoven played, with a sense of the coming of a new age. This was pianism of the highest order.

Schiff’s view of Schubert’s final symphonic masterpiece was quite refreshing and revelatory. Starting the opening Andante at a faster tempo than one would have expected I wondered how he would manage to make it work in relation to the Allegro ma non troppo of the main body of the movement. I need not have worried for this music burst forth and raced along with strength and power, only relaxing slightly for the second subject, but never dropping the tempo, and creating a powerful and incisive performance. Because of the fast tempo, the coda, which should be in a spritely one–in–a–bar, was slightly rushed, making it loose some of its dance–like qualities, but with the re–appearance of the opening theme the music was held back and matters were concluded with firmness and decision. The slow movement was likewise taken at a slightly faster tempo than we normally hear – more a brisk walk than a quiet stroll – but Schiff and his players made sense of the music and it spoke clearly and directly, with superb leadership from principal oboe Jürgen Evers. The scherzo was a very rustic peasant dance, with a delicious ländler trio, and the finale was an helter–skelter race in a very fast tempo which never let up in its excited rush to the finish line.

The Munich KlangverWaltung Orchestra was founded in 1997 and is made up of the leading players from the Berlin and Munich Philharmonics, the Munich, Stuttgart, Hamburg and Hanover State Operas, the Salzburg Mozarteum, Deutsche Oper Berlin and the Deutsche Oper am Rhein as well as several German radio orchestras, so this is a crack orchestra delivering performances of a standard not heard too often in this country. The virtuosity was jaw–dropping.

A most satisfactory evening, and one which the packed hall will remember for some time to come.

Musicweb International

Bach: Johannespassion

Chiemgau-Zeitung
Kultur in der Region (17.07.08)

Predigt statt Pausen-Prosecco
Von Rainer W. Janka

Die Festspiele Herrenchiemsee begannen auch heuer wieder mit einem Konzert im Münster Frauenchiemsee.

Doch da wird's schon schwierig: War es ein Konzert? Oder war es ein Gottesdienst? Eines kann Enoch zu Guttenberg auf den Tod nicht ausstehen: Wenn die Passion, das vertonte Leiden Christi, nur als musikalisches Ereignis, nur als Konzert genossen wird, nein, sie sollte er- und auch durchlitten werden. Deswegen hat Guttenberg die Passion als barockes «theatrum sacrum» inszeniert. Als wollte er den Vorwurf der Opernhaftigkeit, der schon Bach selbst traf, dadurch widerlegen, dass er ihn bestätigend übertreibt.Es begann mit einem lateinischen Segensspruch, vorgetragen von einem Priester in roter Stola. Der Evangelist sang von der Kanzel, der Chor war geteilt: Die Turba-Chöre sang der Teil, der im Altarraum stand, die Choräle erklangen von der Empore. Dieser Emporenchor wirkte bisweilen wie ein kommentierender Chor aus einer griechischen Tragödie. Manchmal teilten sich beide Chöre ihre Chöre, gerieten so in einen sich oft steigernden Dialog. Christus stand, in Chorkleidung, inmitten des Chores direkt vor dem Tabernakel. Die beiden Solistinnen wandelten von hinten durch den Mittelgang, eine Kerze in der Hand, verbeugten sich vor dem Altar und steckten ihre Kerzen auf die Kerzenständer. Die Magd zeigte anklagend auf den sich um die Säulen herumdrückenden leugnenden Petrus. Pilatus schritt durch den Mittelgang, mit Christus sprechend, zu diesem in den Altarraum, wo sie sich Angesicht gegen Angesicht ihr berühmtes Streitgespräch lieferten: «Was ist Wahrheit?» Der Tenor wankte schmerzreich herein und sang seine verzweifelten Arien. Sogar die Kirchenglocken schienen mitzuspielen, als sie nach der Geißelung lange läuteten. Sie läuteten auch am Ende, nachdem der Priester das «Ite, missa est!» gesprochen und die Zuschauer, die dies wussten, mit «Deo gratias!» geantwortet hatten. Einen möglichen Applaus verbat sich Guttenberg. Statt der Pause mit Prosecco gab's eine barocke Predigt von Johann Jacob Rambach, mit mächtiger Stimme rhetorisch höchst kunst- und wirkungsvoll von Wolf Euba auf der Kanzel vorgetragen, der mit «Amen», schloss ,vom Chor mit «Vergelt's Gott!» quittiert.
Mehr Befremden hat Bach seinerzeit wohl auch nicht geerntet. Gewiss, Guttenbergs Absicht ist klar: Er möchte die Passion als der Menschheitsgeschichte ungeheuerlichstes Drama unmittelbar wirklich werden lassen. Wir Zuschauer sollen keine bloßen Zuschauer, sondern Mitleidende, wenn nicht sogar Mitschuldige sein. Gewiss, Guttenberg erzielt große dramatische Spannung. Aber ein leiser Stachel bleibt: Genießen wir nicht wiederum dieses Drama als Drama, womöglich als Spektakel? Vor allem diejenigen, die den theologischen Hintergrund einer Passion nicht kennen? Weiter: Guttenberg theatralisiert die Passion nicht nur, er katholisiert sie auch, durch die Instrumentalisierung eines katholischen Priesters und durch den «Schauplatz», die Münsterkirche eines noch existierenden Nonnenklosters. Echte Lutheraner möchten da zornig aufschreien. Außerdem: Es ist ja doch ein Konzert, mit zahlenden Zuhörern. Und die letzte Frage: Traut Guttenberg dem vertonten Text und vor allem der Musik alleine nicht?
Die von Guttenberg dirigierte Musik nämlich war von hervorragender Qualität und von mitreißender Wirkung. Das Orchester der Klangverwaltung setzte willig die kräftig-ruppigen rhythmischen und klanglichen Akzente, mit denen Guttenberg die Musik aufraute und unter Dauerhochdruck setzte. Diese Passion siedet und glüht vor Bekehrungseifer. Die Chorgemeinschaft Neubeuern steuerte leidenschaftlich durch die hitzigen, oft an der Grenze des Singbaren aufgehetzten Chöre, die Choräle waren bekenntnishaft-wortdeutlich und, wie Guttenberg es liebt, grammatikalisch artikuliert. Insgesamt herrschte ein immer schnelles Tempo.
Was aber Guttenbergs dramatisches Konzept vor allem trug, war die außergewöhnlich gute Solistenriege, ausgenommen gerade Anton Scharinger als Christus, der finessen- und hemmungslos bassig orgelte: ein Hunding als Christus. Jörg Dürmüller fesselte als emotionsreich und doch schön singender Evangelist, Klaus Mertens gestaltete seine Arien als theologisch-musikalische Betrachtungen, Christina Landshammers Sopran leuchtete farbenreich - nur ihre «Zerfließe»-Arie hätte mit mehr Piano inniger gewirkt. Franziska Gottwald ziselierte in ihrer Verstrickungs-Arie fast jeden Knoten der Sündenstricke heraus, so klar und ausdrucksvoll führte sie ihren wohlklingenden Alt. Die Tenor-Arien sang Daniel Johannsen mit noch nie so gehörter textbezogener Dramatik, so, wenn er den erschreckenden Vergleich von Christi blutgetränktem Rücken mit einem Regenbogen als Gottes Gnadenzeichen vorträgt. Vor allem aber Marcell Bakonyi sang sich als Pilatus mit prachtvollem Bass in das dramatische Zentrum hinein, er vereinte am klügsten Stimmgewalt mit bewusster Dramaturgie. Seine Frage «Was ist Wahrheit» klang lange nach, fast als Echo auf die Frage: Was ist die wahre Aufführung einer Johannespassion?

Schostakowitsch "Babi Yar"

Herrlich am Chiemsee
 
 
http://www.abendzeitung.de
Festspiele im Spiegelsaal von Herrenchiemsee

Dirigent Enoch zu Guttenberg wagt bei den Herrenchiemsee Festspielen Guttenbergs Schostakowitsch-Debüt - und gewinnt. Sein Erfolgsrezept sind die Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis.
 
Dass Enoch zu Guttenberg ein vortrefflicher Interpret von Dmitri Schostakowitsch ist, hat man eigentlich immer geahnt. Denn wer ein derart glückliches Händchen für Anton Bruckner, Ludwig van Beethoven oder Gustav Mahler hat, braucht den sowjetischen Komponisten nicht zu scheuen.
Doch erst jetzt folgte bei den Herrenchiemsee Festspielen Guttenbergs Schostakowitsch-Debüt: Mit Yorck Felix Speer (Bass), dem Orchester der KlangVerwaltung und dem Männerchor aus Neubeuern gestaltete er die 13. Sinfonie von 1962. Sie vertont Gedichte von Jewgeni Jewtuschenko. Herausgekommen ist ein unvergessliches Ereignis.
 
Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis
Auch hier nutzte Guttenberg sein Erfolgsrezept: Kenntnisse der historischen Aufführungspraxis stoßen auf Emotionalität. Klang und Form werden so transparent wie möglich gehalten, Kontraste und Effekte geschärft. So wurde in der Dreizehnten das Grauen nicht versachlicht, sondern verlebendigt. Und das Grauen ist vielfältig.
So erinnert der Kopfsatz "Babi Yar" an die gleichnamige Schlucht bei Kiew, in der 1941 über 33700 Juden von Deutschen niedergemetzelt wurden. Jede Form von Antisemitismus wird angeprangert, die anderen Sätze schlagen die Brücke zur sowjetischen Realität: In "Ängste" etwa vertonte Schostakowitsch auch seine eigene Lebensgeschichte unter Stalin.

Guttenbergs Deutung hat nichts vertuscht, sondern mit brutaler Konsequenz offengelegt. Dabei hat er sich für die deutsche Fassung der Sinfonie entschieden: Schostakowitsch hat stets für Aufführungen seiner Vokalwerke in der jeweiligen Landessprache plädiert. Denn er wusste, wie wichtig die Verbindung von Wort und Musik ist.
Interpretation von Motiven und Klängen
Hier legte Schostakowitsch auch für seine Instrumentalwerke offen, wie er bestimmte Motive und Klänge verstanden wissen wollte. Wer dem nachgeht, stößt auf eine eindeutige Musik. Guttenberg hat dies verinnerlicht.
Mit Speer und dem Chor waren feinsinnige Wortgestalter zu erleben. Dass mit Speer ein Enkel des NS-Architekten Albert Speer sang, gab der Aufführung eine besondere Note. Speer wollte das Werk unbedingt singen. Hat er Frieden gefunden? "Nein", sagte er auf Nachfrage.
Bislang gab es nur eine Referenzaufnahme der Dreizehnten, nämlich die mit dem Chor und Symphonieorchester des BR unter Mariss Jansons (EMI). Sollte sich Guttenbergs Label "Farao" für eine CD entscheiden, käme eine zweite hinzu.

Marco Frei

Verdi Requiem, Februar 2008, Regensburg

Mittelbayerische Zeitung vom 27.02.2008

Wahrheit des Ausdrucks dominiert

Verdis „Requiem“ wurde, als es bald nach seiner Entstehung auch nach Norden über die Alpen gelangte, dort als Ausdruck einer betont südlichen Katholizität empfunden, die keine Grenze zwischen Religiösem und Theatralischem kennt: „Trauer und Bitte, Entsetzen und Zuversicht, sie sprechen hier eine leidenschaftlichere Sprache als wir sie in der Kirche zu hören gewohnt sind“, meinte damals Wiens Kritiker-Papst Eduard Hanslick.

Die leidenschaftliche Sprache der Partitur und die ganze Bildhaftigkeit der Musik zu entfalten, ist auch das Anliegen des Bekenntnismusikers Enoch zu Guttenberg, der mit seiner „Chorgemeinschaft Neubeuern“ und dem „Orchester der Klangverwaltung“ Verdis Requiem dem Publikum der Odeon-Konzerte im Regensburger Audimax präsentierte.
Enoch zu Guttenberg gibt dem Werk betont scharfes Relief. Ganz unkörperlich erklingen die ersten Cellotöne, und tonlos flüsternd setzt der Chor mit seinen „Requiem“-Rufen ein. Das von Verdi notierte „Andante“ lässt der Dirigent zum zerklüfteten Adagio werden, bei dem die Musik kaum in Fluss kommt: jede neue Phrase bedarf eines schwer gefassten Entschlusses.

Klangmächtige Chorgemeinschaft

Den Gegenpol bildet das Pandämonium des „Dies irae“: das Orchester, das sich in seinem Namen so nüchtern zur „Klangverwaltung“ bekennt, steigert sich zum Klangexzess mit grellen Bläsereinwürfen und rasenden Streicherfiguren, scharf markiert zudem von den geradezu körperlich zu spürenden Schlägen der großen Trommel. Die Chorgemeinschaft Neubeuern behauptet sich klangmächtig gegen die Orchesterwogen und zeigt sich ansonsten wendig zwischen kollektivem Aufschrei und devoter Bitte, zwischen locker getupften Figuren und rundem Legato.

Die Wahrheit des Ausdrucks dominiert über die Schönheit des Klangs, und dieser Richtlinie folgen zunächst auch die Solosänger. Hohl und erstickt wirken das „Mors stupebit“ des Basses und das „Liber scriptus“ des Mezzosoprans. Doch bleibt den vier vorzüglich agierenden Vokalsolisten später genug Gelegenheit, Melos zu verströmen: im „Quid sum miser“ oder im „Domine Jesu“ finden sich Susanne Bernhard (Sopran), Leila Pfister (Mezzosopran), Alfred Kim (Tenor) und Yorck Felix Speer (Bass-Bariton) zu klanglich bestrickendem, verhalten expressivem Ensemblegesang zusammen.

Das Odeon-Publikum reagiert begeistert auf die Aufführung: Der Beifall steigert sich zu stehenden Ovationen. Und das, obwohl das Werk alles andere als verklärend schließt. Mit einem gestammelten „Libera me“ verklingt es: Nicht glaubensgewisse Hoffnung, sondern ängstliches Flehen des Menschen steht in Verdis „Requiem“-Deutung am Ende.

Verdi Requiem, Februar 2008, Regensburg

Passauer Neue Presse vom 27.02.2008

Blanke Furcht vor dem Zorn des Herrn

Es ist gerade Viertel nach acht, als das Jüngste Gericht über das Regensburger Audimax kommt: Pauke und Trommel schicken ihre Schläge voraus - und dann, so scheint es, fliegt einem das Betonmassiv des Hörsaals in einer gewaltigen g-Moll-Explosion um die Ohren. Die Streicher trudeln unisono in die Tiefe; der Chor windet sich in schriller Pein, wehrlos gegen die chromatischen Sequenzen, die ihn unerbittlich hinabziehen. Es kostet von Haus aus Nerven, den Auftakt zum „Dies Irae“ in Giuseppe Verdis „Requiem“ trockenen Auges zu überstehen - unter der Leitung Enoch zu Guttenbergs wurde die Episode am Montag jedoch zu einem Ereignis, das von Rührung bis zu blanker Furcht jede Emotion erbarmungslos einforderte.
Mit energischen Bewegungen hielt der Dirigent die Chorgemeinschaft Neubeuern und das Orchester der Klangverwaltung in der siebenteiligen Komposition zusammen. Seinem Publikum schenkte er das beglückende Erlebnis eines vollkommen eingespielt agierenden Klangkörpers - hinter dem letztlich selbst derjenige verschwand, der ihn lenkte.
Gelungen ist den Künstlern eine außergewöhnlich „sprechende“ Interpretation. Verzweifelte Klage und aufkeimende Hoffnung - zwischen den für eine Totenmesse obligatorischen Polen breitete sich in dieser Aufführung ein scheinbar unerschöpfliches Spektrum klanglicher Nuancen aus.
Bereits das einleitende „Requiem“ oszillierte eindrucksvoll zwischen gehauchter Bitte und strahlendem Gotteslob. Wie differenziert die Ensembles an jede Passage herangingen, ließ sich aber besonders am „Dies Irae“ studieren, das mit jeder Wiederkehr neue Beiklänge erhielt.
Einen vorzüglichen Eindruck hinterließen die Solisten: Susanne Bernhard (Sopran) und Leila Pfister (Mezzosopran) begeisterten einzeln und fügten sich zudem im Duett stimmlich wunderbar ineinander; Yorck Felix Speer präsentierte sich mit eindrucksvollem, zu großer Zartheit fähigem Bass. Einen herausragenden Moment schuf Alfred Kims geschmeidiger Tenor mit seinem Solo in „Dies Irae“. Eine noble, goldumrandete Stimme, die man ebenso wenig vergessen wird wie das gesamte Konzert.

Verdi Requiem, Februar 2008, Regensburg

Oberpfalznetz vom 27.02.2008

Emotionale Tiefen ganz durchlebt

Enoch zu Guttenberg macht Verdis "Requiem" im Audimax in Regensburg zum Hörerlebnis

Regensburg. In der klassischen Musik gibt es Interpretationsansätze, die man unter einem gewissen Mainstream einordnen kann, aber auch Interpretationsansätze, die radikaler und eigenständiger angelegt sind.

Zu letzteren gehörte zweifelsohne in der Reihe der Regensburger "Odeon-Concerte" die Aufführung von Giuseppe Verdis "Requiem" durch die Chorgemeinschaft Neubeuern und das "Orchester der Klangverwaltung" unter der Leitung des bekannten Dirigenten Enoch zu Guttenberg. Und das war gut so. Die Intensität, mit welcher genannte Ausführende, komplettiert durch die Vokalsolisten Susanne Bernhard (Sopran), Leila Pfister (Mezzosopran), Alfred Kim (Tenor) und Yorck Felix Speer (Bass-Bariton) unter Guttenbergs Führung im Auditorium maximum der Regensburger Universität zu Werke gingen, sucht ihresgleichen.

Von Anfang an ließ Guttenberg keinen Zweifel daran aufkommen, dass er hier von allen Ausführenden ein regelrechtes Durchleben des Affektgehalts und der emotionalen Tiefen forderte, und die Vokalisten und Instrumentalisten folgten ihm bis ins kleinste Detail. Guttenberg ließ zu Beginn zum sehr zurückgenommenen Streicherklang den Chor innig im Pianissimo flüsternd den Textbeginn intonieren, um dann wohldosiert den dynamischen Spannungsbogen voranzutreiben, bevor die Männerstimmen kraftvoll "Te decet hymnus" umsetzten. Dann fuhr Guttenberg die Lautstärke wieder herunter, um "Requiem aeterna" wieder flüsternd intonierend zu lassen. Im folgenden "Dies irae" machten die Ausführenden dem "Tag des Zorns" alle Ehre und agierten mit von donnernder Leidenschaft beseeltem Ausdruck. Im späteren "Dies irae" des "Libera me" hätte man sogar ernsthaft glauben können, die Schlagwerker setzen die Felle ihrer Pauken einem Belastungstest aus, so brachial gingen sie, aber auch der gesamte Klangkörper hier zur Sache. Dazwischen gab es aber auch immer wieder lyrische Momente von unglaublich inniger Intensität im bis ins kaum mehr Hörbare zurückgenommenen Pianissimo.

Den Vokalsolisten muss man allen höchstes Lob aussprechen, denn selten gelingt es ein Quartett auf die Bühne zu bringen, das in Bezug auf Durchsetzungskraft, Geschmeidigkeit, Einfühlungsvermögen und Textartikulation durch die Bank so grandios zu überzeugen vermag wie an diesem Abend. Die stehenden Ovationen waren in jeder Hinsicht gerechtfertigt.

Bruckner: IV. Symphonie
CD aus dem Wiener Musikverein

Frankfurter Rundschau vom 8.2.2008

Wo die Architektur zu Hause ist

von Hans-Klaus Jungheinrich

Die großen Kunsttalente sind etwas Seltenes, Besonderes und scheinbar Privilegiertes. Gleichwohl werden sie gnadenlos eingespeist in fremdbestimmte Abläufe, in die institutionellen Maschinerien des Kulturbetriebs. Verständlich, dass ein Pianist wie Maurizio Pollini seine Termine gern ohne Programmfestlegung plant. Auch Anna Netrebkos Katz- und Maus-Spielchen zwischen öffentlicher Pflicht und privatem Wohlleben wären nicht schlechthin zu verdammen, und konsequent bildete sich eine Verweigerungshaltung etwa bei dem Dirigenten Carlos Kleiber heraus. Der kritische Affront wider das gewöhnliche musikalische Getriebe hatte bei ihm durchaus den Beigeschmack des Misanthropischen.

Abseits der verwalteten Musik

Es gibt aber auch andere Beispiele unangepasster Musikerbiographien. So baute sich Maestro Gustav Kuhn abseits der hochdotierten Philharmoniker- und Staatstheaterszenerie ein künstlerisches Domizil als selbstbestimmte Inselexistenz im Meer der verwalteten Musikwelt. Kaum 50 Kilometer entfernt von Kuhns Festspielort im tirolischen Erl installierte Enoch zu Guttenberg auf Schloss Herrenchiemsee eine ähnlich auratische Heimstätte des persönlich involvierten, radikal individualistisch ins Werk gesetzten Kunstwollens.

Wie Kuhn hatte auch Guttenberg normale Positionen im Musikbetrieb inne, aber dann doch die Erfahrung gemacht, besser unabhängig als sozusagen eigen- und mittelständischer Musikunternehmer arbeiten zu können. Er fand für seine pittoresken und splendiden Vorhaben verständige Geldgeber, konnte sich aber auch finanzieller Spielräume als vermögender Angehöriger des fränkischen Adels versichern. Als charismatischer Chorleiter mobilisierte er beträchtliche künstlerische Ressourcen. Und es gab eine Menge von exzellenten Instrumentalisten, die sich mit Leidenschaft seiner ungewöhnlich intensiven Wiedergabekunst verbanden und nun unter dem Namen "Orchester der KlangVerwaltung" als Markenzeichen des Besonderen figurieren.

Unter den Besonderen ein Besonderer, präsentiert Guttenberg allsommerlich auf Herrenchiemsee die großen Meisterwerke der Musikliteratur, darunter Brucknersymphonien, die er auch auf zahlreichen Konzertreisen zu Gehör bringt. Im Wiener Musikvereinssaal entstand im April des vergangenen Jahres die Live-Aufnahme der 4. Symphonie von Anton Bruckner. Es gehörte wohl Mut dazu, "in der Höhle des Löwen" ausgerechnet dieses Großwerk romantischer österreichischer Klangarchitektur zu exponieren. Das auf CD festgehaltene Ergebnis zeigt, dass sich Guttenberg und seine KlangVerwaltung hinter den größten Brucknerdarbietern der jüngsten Vergangenheit (wie Wand und Celibidache) nicht zu verstecken brauchen.

Auf faszinierende Weise macht Guttenberg aber auch das Lebendige, Unaufhaltsame einer mit den Zeitläuften (und gegen sie) sich entwickelnden Wiedergabe deutlich. Immer wieder wurde auf das Baumeisterliche der Bruckner-Formen abgehoben, was sich oft in klobig-mykenischen, quaderhaft-monumentalen Klangformungen niederschlug. Ein weiteres notorisches Bruckner-Merkmal scheint das Religiös-Weihevolle. Von diesen fast Klischee gewordenen Bezugsgrößen rückt Guttenberg deutlichk ab. Eventuell unter dem Einfluss Harnoncourt'scher Vorstellungen realisiert sich sein Bruckner als Klangrede. Viel genauer als sonst werden Phrasierungen beachtet, Melodien oder Motive beweglich gehalten, pathetische Drücker eliminiert (besonders, wenn eine Phrase auf dem schwachen Taktteil endet).

Das Bruckner-Gefühl

Pathos und Architektur werden indes nicht völlig suspendiert. Doch bleibt das Klangbild durchsichtig, gerät immer wieder auch filigran. Man könnte, mit dem schönen Ausdruck Paul Scheerbarts, von "Glasarchitektur" sprechen. Hinzu kommt freilich (auch in den zumeist diskreten, gelegentlich auch auffälligen Temposchüben) ein Moment der Verflüssigung, das dem Klanggeschehen seine Gewaltsamkeit nimmt und jenen irrig voluntaristischen Zug, den ältere Brucknerianer (Eugen Jochum) von Beethoven auf Bruckner projizierten.

Guttenberg vermittelt damit ein neues Bruckner-Gefühl, ohne aber zu aufdringlich spektakulären oder säulenstürzerischen Maßnahmen zu greifen. Er demonstriert, dass interpretatorische Erneuerung und Vervollkommnung vor allem liebevolle Detailarbeit ist. Bruckner, bewahrt vor der Trivialität des fassadenhaften, theatralisierten Al fresco. Liebe zur Musik als Liebe zum Einzelnen, scheinbar Verborgenen, das zum Sprechen gebracht wird. Eine solche Hingegebenheit ist kaum in der Routine des Konzertbetriebs möglich, ist eine beredte Alternative zu vielerlei vom Verschleiß gezeichneter Unlust-Praxis. Musik wohnt nur da gut, wo die Liebe zu zu Hause ist.

Anton Bruckner: IV. Symphonie Es-Dur, Orchester der KlangVerwaltung, Dirigent: Enoch zu Guttenberg; Farao Classics S 106051

http://www.fronline.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/musik/?em_cnt=1284612&sid=d13f8b61e89f64eba3f709fa5e5e1cbf

Beethoven Missa Solemnis
Philharmonie Köln

Kölner Stadtanzeiger 29.01.2008

Die Herren bleiben am Boden zurück

Philharmonie
Beethovens Missa solemnis mit Enoch zu Guttenbergs KlangVerwaltung

Von Gunild Lohmann

„Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehen“; schrieb Ludwig van Beethoven über die Partitur der „Missa solemnis“. Enoch zu Guttenberg hat sich für die Aufführung in der Kölner Philharmonie diesen Komponistenwunsche offenkundig zu Herzen genommen.

Temperamentvoll, mit großem emotionalem Engagement dirigiert er die Messe, die für den Gebrauch im Gottesdienst schon seit ihrer Entstehung als zu lang und zu eigenwillig angesehen wird. Guttenbergs Orchester KlangVerwaltung setzt die Vorstellungen seines Dirigenten sicher und kompromisslos um, produziert, auch ohne populäre Themen höchste Gefühlsintensität – dramatische Zuspitzung liegt den KlangVerwaltern eindeutig mehr als Ruhe und Versammlung.

Der Ernst-Senff-Chor schlägt sich wacker, kann aber nicht immer mithalten. So steht die Stretta des Gloria, in der Enoch zu Guttenberg einige Male das Tempo anzieht, haarscharf vor dem Auseinanderfallen, und trotz aller Sicherheit und Gestaltungskraft (Einstudierung: Frank Markowitsch) bleibt der Chor ab und an hinter dem zurück, was de Dirigent fordert.

Stimmvolumen und Stimmqualität sind noch steigerungsfällig, was natürlich im Sopran, von dem Beethoven gnadenlos schwierige Einsätze, Höhe und Kondition fordert, besonders auffällt. Auf der anderen Seite gelingen dem Berliner Ensembla wunderschöne, gekonnt herausgesungene Piano-Effekte. Beim „Et incarnatus“ und „Et sepulcus est“ bleibt die Zeit für einen Augenblick stehen, und sogar die Philharmonie-Huster haben Pause.

Ganz Ohr ist das Publikum auch, wenn die Solistinnen an der reihe sind: Gerhild Romberger kommt mit Ihrer Klarheit und Wärme der idealen Altstimme ganz nah, und Susanne Bernhards heller, anmutig geführter Sopran leuchtet mühelos über allem, ohne die anderen Stimmen zu dominieren. Auch Tenor Jörg Dürmüller und Bass Jocken Kupfer gebührt Respekt für die solistische Leistung – aber während sich die Damen an diesem Abend in überirdische Sphären aufmachen, bleiben die Herren am Boden zurück.

Bruckner IV und Te Deum
Musikverein Wien

Wiener Zeitung 30.4.2007
(www.wienerzeitung.at)

Verwalten, aber furios

(irr) Verwaltungbehörden kennt jeder. Aber was, bitte, ist eine "KlangVerwaltung"? Enoch zu Guttenberg hat eine solche 1997 mitbegründet, und diese KlangVerwaltung München steht ihren Pendants, zumindest ideell, nicht fern. Auch hier soll administriert werden, wenn auch ohne Stempelmarken: Musik verflossener Jahrhunderte will man in verantwortungsvollem Sinne treuhändisch wahrnehmen. Mit einer Mischung aus historischer und moderner Musizierpraxis, die ihrem Allumwalter Guttenberg vorschwebt. Für Bruckners Vierte ergibt das im Musikverein Unkonventionelles: Mild hebt sie an, balanciert im Tutti, gemessen im Tempo. Da runden sich Kanten, klingt der Gottesmusiker lyrisch. Und doch entwickeln sich, wüten die Ausbrüche immer wieder, wie später im hantigen Scherzo. Dass die Bratschen im Andante gar so inbrünstig singen, lässt Guttenbergs Originalklang-Impetus am stärksten spüren. Eine Spur zu sehr allerdings, umso effektvoller in der Phrasierung diverser Details.
Was hier ein wenig an Gesamtspannung fehlt, macht Bruckners "Te Deum" wett: Nicht ganz souverän vom Solistenquartett, dafür wunderbar changiert zwischen archaischer Wucht und zartem Gebet, mischen sich Orchester und die Chorgemeinschaft Neubeuern, deren Klangfülle zuvor in Bruckners "Ave Maria"-Motette beeindruckte. Reichlich Applaus.

Bruckner VI und Te Deum
Festspielhaus Baden-Baden
Badische Zeitung 19.03.2007

Wie der Dirigent Enoch zu Guttenberg die Sprache Bruckners verdinglicht: Eindrücke von einem Konzert in Baden-Baden

Er sei eine Ausnahme unter den Taktstockzauberern, heißt es immer wieder: Naturschützer – Mitbegründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz -, ein Kämpfer wider den Ungeist jedweder Moden, unbequemer und vor allem – ein Bekenntnismusiker. „ Ich bin im Gegensatz zu meinen anderen großen Kollegen sehr primitiv – ich kann nur das dirigieren, was ich wirklich verstehe und was mich auch emotionalisiert“, hat Enoch zu Guttenberg einmal in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk gesagt. Und da steht er nun auf der Bühne des Baden-Badener Festspielhauses, fast ein wenig schüchtern, nimmt den tosenden Beifall – am liebsten inmitten seiner Musiker – mit tiefer Verbeugung und zögert kaum eine Sekunde, den überreichten Blumenstrauß nach hinten zum Chor zu werfen. Zu „Te Deum“ gezeigt hat, wie charismatisch ein Vokalensemble klingen kann, das den Ehrgeiz besessen hat, die ganz gewöhnliche Liedertafel hinter sich zu lassen, nur um Haydn, Mozart, Brahms und Bruckner ein Stück näher zu kommen.

An diesem Abend ist es Bruckner, und der Dirigent würde vermutlich alle Laudationes um seine Verdienste um diesen Klang mit einem Wort zurück weisen: „Wir“. Enoch zu Guttenberg ist ein fabelhafter Teamarbeiter, einer der keine Lorbeerkränze braucht, weil er seine Selbstverwirklichung wo anders findet. In der Musik,. Und da wird man beim Hören jenes gewaltigen, aber sich im Klang so produktiv auflösenden Widerspruches gewiss, den Guttenberg einmal so formuliert hat: „Im Kopf bin ich ein Atheist, im Bauch tief gläubig.“ Dieses „Ave Maria“, das bereits die ausladende harmonische Kraft der Sinfonien besitzt, erklingt aus einer tiefen Überzeugung heraus, die man ebenso als musikalisch wie als religiös bezeichnen kann. Wie Guttenberg den marianischen Gesang auf das zentrale Wort Jesus zusteuern lässt, wie er das allumfassende Wort „Amen“ an- und großflächig, scheinbar unendlich abschwellen lässt – das ist exzeptionelle Kunst des Chorgesangs. Und das mit einem Ensemble, das rundum ideal besetzt scheint und durch seinen vibratoarmen, allzeit transparenten, intonationsreinen Klang besticht.

Das Guttenberg’sche „Wir“ gilt in gleichem Maße für die Musici der „Klangverwaltung“, jenes Projektorchesters, da fast schon zur Identität des Dirigenten gehört. Beim „Te Deum“ (mit den homogenen und uneigennützig klangrein agierenden Vokalsolisten Susanne Bernhard, Gerhild Romberger, Carsten Süß, Yorck Felix Speer) hält es famos die Balance zwischen majestätischer Gottesverherrlichung und zartester Glaubensverdinglichung. In der Sechsten Sinfonie wird die Klangverwaltung – welch irreführender Name – zum Sprachrohr dieser Aufwühlenden Bruckner’schen Naturpredigt. Das Faszinierende dabei ist die Interaktion zwischen Dirigenten und Orchester: Enoch zu Guttenberg vermittelt seine Klangvorstellung in mitunter ganz überraschenden, unorthodoxen, scheinbar, arhythmischen Bewegungen – aber stets mit faszinierendem Ergebnis. Der erste Satz wird in all seinen Ausprägungen zwischen Naturmalerei und Ländler zur Pastorale; vom zweiten Satz bleiben die naturalistisch empfundenen Seufzermotive tief im Gedächtnis; Im Scherzo wühlen die famosen Hörnerzwischenrufe auf ; und im Finale beeindruckt einmal mehr, wie Guttenberg die Dialogtechnik in Bruckners Klangschollen und – blöcken herausarbeitet. All das vollzieht sich vor dem Hintergrund einer historisch informierten, aber vollkommen undogmatischen, das Streichervibrato nicht vollkommen verteufelnden Spielpraxis, die den einen oder anderen kleinen Ausrutscher einkalkuliert, aber umso reicher ist an klanglichem Gewinn durch diese hochsensible Art des Musizierens. Welche im Übrigen fern davon ist, Bruckners auratische Kunst zu monumentalisieren. Da wird nichts künstlich retardiert oder zelebriert, sondern „nur“ der Notentext wiedergegeben.

Und so klingt diese Sechste so aus, wie Bruckner sein Werk beschrieb: „Keck“. Der 60-jährige Künstler aus dem Oberfränkischen geht so virtuos und tiefsinnig mit der Sprache Bruckners um, wie man es vielleicht seit Günter Wand nicht mehr erlebt hat. Und das lässt leise hoffen, dass auch dieser große Dirigent Enoch zu Guttenberg allmählich die Popularität erlangt, die im längst zustünde. Auch wenn ihm eine solche vermutlich gar nicht recht wäre.
Badisches Tagblatt

Von Alexander Walther

Der Dirigent Enoch zu Guttenberg war 1997 Mitgründer des Orchesters der KlangVerwaltung, mit dem er am Samstagabend im gut besuchten Festspielhaus ein Bruckner-Konzert gestaltete. Zu Beginn des Abends erklang mit raschen Tempi und schwungvoller Emphase die Sinfonie Nr. 6 in A-Dur von Anton Bruckner. Gelöst, hell und nur manchmal wirklich kämpferisch interpretierte Guttenberg dieses eher selten gespielte Werk, das zwischen 1879 und 1881 entstand.
Musikalische Schönheiten stellten sich rasch und in verschwenderischer Fülle ein – bereits beim ehernen Kopfthema des Maestoso, das die Bässe unter leisem, hartnäckigem Klopfrhythmus der Violinen anstimmten. Aus schwerer Enge schwang sich das innige zweite Thema ins Freie auf. Das Orchester überzeugte hier auch mit intonationssicheren, leichten Hörner-Einsätzen, bevor markige Trompetenklänge das machtvoll aufrauschende dritte Thema ankündigten. Nur gelegentlich hätte man sich einen größeren melodischen Bogen gewünscht.
Die knappe Durchführung ging mit strahlender Pracht in die Reprise hinüber. Aus weichen Bläserklängen stieg die Coda in eine wahre Lichtflut des Schlusses ein. Das Adagio beeindruckte mit kunstvoller Weihe und ohne Sentimentalität.

Chorwerk ist „dem lieben Gott gewidmet“

Beim dritten Scherzo-Satz steigerte sich das Orchester der KlangVerwaltung, das sich aus Musikern führender deutscher und internationaler Orchester zusammensetzt, noch erheblich. Der Elfenspuk eines Sommernachtstraums geisterte darin genauso herum wie der groteske Zauber einer Walpurgisnacht. Mit Urkraft brachen die Elemente los, bis freundliche Hörnerfanfaren das Trio ankündigten. Von ferne war das Hauptthema der fünften Sinfonie wie ein Signal zu hören.
Mit weit ausholendem Geigenthema begann das Finale, und Guttenberg befreite diesen letzten Satz von seinen oft kritisierten thematischen Schwächen, indem er die Motive zupackend herausarbeitete.
Einen hervorragenden Eindruck hinterließ die Chorgemeinschaft Neubeuern bei Anton Bruckner „Ave Maria“ für siebenstimmigen Chor a cappella. Die Vielschichtigkeit der Partitur wurde vom Chor virtuos wiedergegeben.
Einen grandiosen Abschluss bildete das „Te Deum“, bei dem sich Chor und Orchester zu gewaltigem dynamischem Volumen steigerten. „Dem lieben Gott“ widmete Bruckner dieses Werk, das er im Frühjahr 1884 vollendete.
Die Gesangssolisten Susanne Bernhard (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Carsten Süß (Tenor) und Yorck Felix Speer (Bass) fügten sie zu einem imponierenden Klangkosmos zusammen. Schon der Chorbeginn besaß mystische Kraft. Von der Einstimmigkeit des Chorsatzes im Lobpreis hob sich immer wieder glanzvoll das Solistenterzett ab. Und der Tenor stimmte „Te ergo quaesumus“ mit verklärten Klängen an. Aus dem Finale ragte die Fuge mit architektonischer Klarheit eindrucksvoll hervor. In den melodischen und harmonischen Linien der Choralthemen schien immer die Welt der Sinfonien eindringlich durch.
Kölner Stadtanzeiger
Klang wird verwaltet und gestaltet

Im Meisterkonzert dirigierte Enoch zu Guttenberg in der Philharmonie Werke von Haydn und Bruckner

Von Gerhard Bauer

Das Orchester, mit dem Enoch zu Guttenberg seit dem Jahr 1997 Musik durchforstet und durchforscht, heißt „KlangVerwaltung“ – und das ist ein guter Name. Denn dieses Ensemble, das für besondere Projekte aus Musikern verschiedener, überwiegend deutscher Orchesters zusammengestellt wird, pflegt einen ganz exquisiten Umgang mit dem Ton, mit dessen Formung, Balance, Dynamik, Nuancierung. Es entsteht ein ungemein facettenreiches Musizieren, und wollte man sich auf „KlangVerwaltung“ einen Reim machen, wäre „KlangGestaltung“ gewiss ein tauglicher Versuch.
Indessen ist der pure Klang als Selbstzweck nicht viel Wert, wird er nicht auch dem Werk dienstbar gemacht. Und Enoch zu Guttenberg, seit Jahrzehnten mit seiner Chorgemeinschaft Neubeuern für maßgebliche Oratorien-Aufführungen in aller Munde, besitzt mehr als ausreichend stilistische Bandbreite, Formen auszufüllen und Inhalte zu beleben. Dafür war das Meisterkonzert in der Kölner Philharmonie mit Haydns D-Dur Sinfonie, Hob.:I/104, und Bruckners „Sechster“ nun einschlagender Beweis.

Lebhaftes Spiel

Ein solch lebhaftes und klares Spiel in Zeichnung und Farbe, dialogisch so sinnvoll, gedankentief und auch pfiffig, ist in unseren Konzertsälen selten zu vernehmen. Enoch zu Guttenberg, der in seiner vitalen Zeichengebung einen Leonard Bernstein übrigens wie eine Statue anmuten lässt, favorisiert einen schlanken, trockenen Klang ohne jedes Orchesterpedal, zügige Zeitmaße, scharfe Kontraste und Akzente. Aber dennoch sind seine Klangresultate frei von jener forsch-frischen und schnell verdrießenden kargen Direktheit, mit der so manchen schneidige Truppe Furore macht, sondern besitzen viel Wärme, Fülle und Pracht. Enoch zu Guttenberg findet mit seiner – in jeder Gruppe exzellenten –„KlangVerwaltung“ bei Haydn zugleich Naivität und Raffinement, bei Bruckner zugleich Architektur und Aura. Man kann diese Musik anders spielen, besser aber nicht.

Ein Kapitel für sich wäre bei „KlangVerwaltung“ die Organisation des Streicher-Vibratos.
Bei Haydn kommt es praktisch gar nicht vor, bei Bruckner selten, und dann kurz und auf den kleinen Noten. Aber auf einmal setzt es, das Vibrato, in ganz ungestümer Intensität ein: im langsamen Satz bei Bruckner, also an allertraditionellster Weihestelle und –stätte. Aber der Effekt ist nicht Süßlichkeit, Dicke und Öl, sondern unvermindert liebevolle Strenge und klare Herzlichkeit. Ein Rätsel, diese „KlangVerwaltung“ aber ein wunderschönes.
Mozart Requiem
Frankfurter Rundschau
Kultur und Medien

extrasilber: Die CD der Woche

Goyas Furien

VON HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Weich und mild kommt Mozarts Requiem oft daher im schmeichelnd-exzentrischen Klang der Bassetthörner. Nichts von solch notorischer Mozart-Artigkeit bringt die Neuaufnahme mit Enoch zu Guttenberg, der Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Orchester der KlangVerwaltung (Farao Classics S 108048).

Das Titelbild der CD, Goyas grimmiger Heiliger Franziskus von Borgia am Sterbebett eines Unbußfertigen, ist die passende Einstimmung in eine durchgehend herbe, scharf geschnittene, schroffe Interpretation (plötzlich in den Kyrie-Schluss dreinfahrendes Dies irae!), die aus den musikalisierten Todesgedanken einen unheimlich durchgepeitschten Zug von Goyescas, von untröstlichen Furien-und Fratzenvisionen macht. Einige nicht zu unterdrückenden lyrischen Schönheiten (auch in den Vokalsoli) dienen dem Atemholen, aber nicht profundem Trost. Wohl zu Recht gibt die Wiedergabe von der Glaubensfestigkeit des Komponisten ein düsteres Bild. Wer hätte gedacht, dass man ausgerechnet dieses viel traktierte Werk im Mozartjahr neu entdecken würde - auch unberührt vom philologischen Kleinkram um den Torso-Status, in dem sich selbst Harnoncourt verzettelt, den Guttenberg aber souverän wegwischt.
Meisterkonzerte Bielefeld
Musik voller Sensationen

Pro Musica: Orchester brillierte

Von Mathias Gans

Auch wenn es sich „Klangverwaltung“ nennt, geht diesem Orchester alles Beamtenmäßige ab.
Es scheint wie ein Urlaub vom Dienst nach Vorschrift zu wirken, wenn sich die Musikerinnen und Musiker, allesamt Mitglieder deutscher Top-Ensembles, unter der Leitung von Enoch zu Guttenberg zu Projekten treffen, das Standardrepertoire einer Neubetrachtung unterwerfen und ihre Ansichten der Öffentlichkeit vorstellen. So frisch und von der Patina schlechter Aufführungstraditionen befreit erklingt klassisch-romantische Musik selten in unseren Konzertsälen.

Beim zweiten Konzert der Pro-Musica Reihe – und wie es dem Konzertplan der Klangverwaltung zu entnehmen ist, offenbar exklusiv nur in der nicht ausverkauften Oetkerhalle gespielt- standen kontrastreich Richard Wagners „Siegfried-Idyll“ und Franz Schuberts „Große C-Dur Sinfonie“ auf dem Programm. Auf der anderen Seite also ein zutiefst privates Liebesbezeugnis, hatte Wagner das in der seltener zu hörenden Fassung für volles Orchester komponierte Stück doch als Geburtstagsgeschenk für Gattin Cosima bestimmt.

Auf der anderen Seite ein Werk, das der musikalischen Welt das Bemühen eines 30-jährigen, bereits von syphilitischer Krankheit gezeichneten Komponisten vorführen sollte, wie das Erbe Beethovens in ganz eigener, jeglicher Konventionalität sprengender Weise fortgeführt werden kann.

Verblüffend, wie individuell sich das Orchester unter von Guttenbergs animierender Leitung dem je eigene Charakter der Musik näherte. Trotz großer Besetzung behielt Wagners „Idyll“ seinen intimen Charakter. Von Guttenberg hat das mit modernen Instrumenten ausgestattete Orchester so gründlich auf die historische Aufführungspraxis eingeschworen, dass dank einer peniblen aufeinander abgestimmten Klangregie der schlanke, ebenfalls dezent vibrierende Streicherklang den Blech und Holzbläsern ihre Eigenständigkeit zubilligte.

Schuberts C-Dur-Sinfonie hingegen blieb wohl nicht nur wegen der vielzitierten himmlischen „Längen“, die Schumann in ihr entdeckte, jahrelang unaufgeführt. Auch spieltechnische Schwierigkeiten versperrten diesem fast einstündigen Koloss zunächst den Weg in die Konzertsäle. Hörten noch romantisch gestimmte Musikwissenschaftler des 20 Jahrhunderts wie Hermann Grabner den „Zauber einer verklärten, reinen Stimmung“ in dieser Sinfonie, so offenbarte Enoch zu Guttenberg dem Geist der Zeit und Musikwissenschaft entsprechend in seltener Radikalität die Brüche und Abgründe, die sich hinter der vermeintlich heiteren C-Dur-Tonart verbergen.

Nervöse Spannung schlägt in Entsetzen um

Mit durchgehend zügigen Tempi arbeitete der Dirigent und das fabelhaft agierende Ensemble das manisch überdrehte Moment dieser Sinfonie heraus, ohne Differenzierungen oder – im Trio des Scherzos – auch beschwingt wienerischen Charme zu unterschlagen. Doch die nervös vibrierende Grundspannung überwog, schlug zuweilen, etwa im Orchesterausbruch im dreifachen Forte des Andantesatzes, dessen Anweisung “con moto“ von Guttenberg sehr ernst nahm, in blankes Entsetzen um.

Man konnte durchaus gegen diesen Interpretationsansatz einwenden, ob von Guttenberg es ein bisschen übertreibt in seiner musikrhetorisch genauestens durchgestylten Klangsprache. Kaum eine Note ohne Betonung, keine Phrase ohne Bedeutung, jede Linie ein mit Sforzati, Akzenten, Schwellen und einem „auf die Spitze“- Musizierenden, gespickter Hürdenlauf, der nur Sensationen, kaum ein Verweilen kannte. Gebrochener, hitziger, aber auch brillanter lässt sich diese Musik kaum
spielen.
Meisterkonzerte Bielefeld
Purzelbäume vor lauter Glück
»Klangverwaltung« bei »Pro Musica«

Von Uta Jostwerner

Bielefeld (WB). Unter den Eliteorchestern dürfte das 1997 gegründete »Orchester der Klangverwaltung« weltweit das jüngste sein. Sein nüchtern sachlicher Name steht in krassem Gegensatz zu der lebendigen und lustvollen Weise, mit der die Musiker unter dem kreativen Geist Enoch zu Guttenbergs aufzuspielen pflegen.

Einer Offenbarung gleich, servierte das Ensemble, das sich projektbezogen aus Instrumentalisten führender Sinfonieorchester und Opernhäuser zusammensetzt, im Rahmen des zweiten »Pro Musica«-Konzerts der Saison Altbekanntes in neuem Klanggewand. Dass zwischen den Sätzen einer Sinfonie ein erstauntes Raunen durch die Reihen der Oetkerhalle geht, erlebt man nicht alle Tage. Es verriet, wie außergewöhnlich tiefgründig die »Klangverwaltung« in dem hochdifferenzierten Klangkosmos von Franz Schuberts Großer C-Dur Sinfonie D 944 schürfte.
Was diese offensichtliche Andersartigkeit hervorruft, ist zum einen die Gleichberechtigung, mit der die Musiker in die musikalische Arbeit und somit Interpretation einbezogen sind. Damit geht offenbar eine enorme Motivationssteigerung und ein Ausbleiben jeglicher Routine einher.
Die Deutsche Sitzordnung mit gegenüberliegenden ersten und zweiten Geigen erleichtert zudem die Verständigung, über die man im übrigen nur staunen kann. Denn selten kommt es vor, dass Enoch zu Guttenberg den Takt schlägt. Sein sehenswertes Dirigat besteht größtenteils darin, Impulse zu geben, um im Weiteren seine Klangvorstellungen mit faszinierendem Körpereinsatz zu übermitteln. Tauben Menschen wäre es so möglich, sehend zu hören oder zumindest eine Vorstellung von den Stimmungen und Gefühlen zu bekommen, die die Musik transportiert.
Bei Richard Wagners Siegfried-Idyll sind es bekanntlich die Gefühle der Liebe. Dass bei Wagner die Musik vor lauter Glück selbst Purzelbäume schlägt, arbeiten die Klangverwalter so lebhaft-plastisch heraus wie das Liebesgeflüster der säuselnden Geigen. Wann hat man diese in Noten überbrachte Liebeserklärung des Komponisten an seine frisch angetraute Cosima je atmender, nachfühlbarer vernommen?!
Der Schubert hingegen sprüht nur so vor Impulsivität und Vitalität. Da konnte man nur bass erstaunen, welche Lebendigkeit das mit 50 Minuten zügig präsentierte Werk entfaltet, wenn kleinteilige Kontrastschärfe den Spielduktus bestimmen. All das erntete frenetischen Beifall.
Maintaler Tagesanzeiger
Recht feierlich – durchaus auch fröhlich

Stimmige Aufführung von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium unter der Leitung Enoch zu Guttenbergs / von Lars-Erik Gerth

Frankfurt.
Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium stellt an die Ausführende stets hohe Anforderungen. Zumeist werden in einer Aufführung entweder nur die Kantaten eins bis drei oder jene von vier bis sechs zu Gehör gebracht. Anders war es nun am vergangenen Samstagabend im großen Saal der Alten Oper. Im Rahmen der Reihe der Frankfurter Konzertdirektion ProArte brachte Enoch zu Guttenberg zusammen mit dem Orchester der KlangVerwaltung, der Chorgemeinschaft Neubeuern und mit den Solisten Anna Korondi, Gerhild Romberger, Markus Schäfer und Klaus Mertens das gesamte Werk zur Aufführung. Es wurde eine stimmige und gut austarierte Interpretation, bei der vor allem die ausdrucksstarke Altistin Gerhild Romberger herausragten.

Was selbst mancher Musikfreund gar nicht weiß ist, dass Johann Sebastian Bach sein Weihnachtsoratorium aus drei „Glückwunschkantaten“ zusammengesetzt hat, die er in den Jahren 1733 und 1734 zu den Geburtstagen des sächsischen Prinzen Friedrich und der sächsischen Kurfürstin Maria Josepha sowie zum Jahrestag der Krönung des sächsischen Kurfürsten Friedrich August zum König von Polen komponiert hatte. Hört man das Werk nun in einer kompletten Wiedergabe, erscheint es so, als ob der Komponist die Musik originär für eine Lobpreisung der Geburt Christi geschrieben hätte.

Enoch zu Guttenberg betonte bei der knapp zweieinhalbstündigen Wiedergabe aber keineswegs allein den feierlichen Duktus des Weihnachtsoratoriums, sondern akzentuierte nicht minder den fröhlichen, abschnittsweise geradezu jubilierenden Charakter der sechs Kantaten.

Dies wurde sogleich beim berühmten Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“ deutlich, den die Chorgemeinschaft Neubeuern mit kluger Abstufung, sicher gestützten Höhen und stets mit flexibler Stimmgebung interpretierte.

Die zumeist jungen Choristinnen und Choristen sangen auf einem superben Niveau, gestalteten sowohl die Chor- als auch die feierlichen Choralpassagen mit idealer Intonation und stets transparent sowie mit einer hohen Textverständlichkeit.

Zurecht gab es vom Publikum im sehr gut besuchten Auditorium am Ende starken Beifall für die Chorgemeinschaft aus Bayern.
Gut disponiert zeigte sich ebenfalls das Orchester der KlangVerwaltung, das hörbar mit dem Bach’schen Stil vertraut ist und zudem über vorzügliche Solisten verfügt.
Ob Flöten- und Oboensoli oder die Begleitung durch die erste Violine, stets bestachen die musikalischen Wiedergaben durch Geschmeidigkeit, Flexibilität und Ausdrucksstärke.

Enoch zu Guttenberg führte seine Musiker mit sicherer Hand, schlug zügige, aber nicht zu schnelle Tempi und achtete durchweg auf die exakte Austarierung zwischen Orchester, Chor und Solisten. So geriet die Klangbalance nie ins Wanken und entwickelte sich eine spannungsvolle, gleichwohl elastische Wiedergabe, die an keiner Stelle Längen aufwies.

Aus dem Solistenquartett ragte die aus dem Emsland stammende Altistin Gerhild Romberger heraus, die bereits mit ihrer ersten Arie „Bereite dich Zion“ Akzente setze.

Die Stimme lag wunderbar auf dem Atem, zeichnete sich durch Modulationsreichtum, Koloraturengeläufigkeit und sichere Tiefe aus.

Sie gestaltete ihren Part eindringlich und mit bemerkenswerter Ausdruckskraft.

Als gewohnt sicherer Wert bei Bach-Aufführungen erwies sich einmal mehr der versierte Bassist Klaus Mertens, der schon seit vielen Jahren mit zu Guttenberg zusammenarbeitet.

Seine Koloraturen kamen ebenfalls sicher und mit stupender Flexibilität in der Tongebung, vorbildlich ist seine Diktion zu nennen und die Tiefe bildete er mit noblem Timbre.

Markus Schäfer nennt einen hellen Tenor sein Eigen, der manchmal etwas spitz erschien und in der höheren Lage ein etwas schneidendes Timbre verriet. Doch gab er auf der anderen Seite dem Part des Evangelisten Ausdrucksstärke und vokales Gewicht.
Der Sopranpart ist im Weihnachtsoratorium ein wenig nachgeordnet und so konnte sich Anna Korondi auch erst im zweiten Teil des Abends so richtig entfalten. Dabei aber setzte sie manchen Glanzpunkt und gestaltete ihre Arie „Nur ein Wink von seinen Händen“ mit schöner Linienführung und aufblühenden Höhen.

Die Wiedergabe des Weihnachtsoratoriums bestach so vor allem durch ihre Homogenität und Ausdrucksstärke.